HamRadio 2day
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HamRadio 2day

Ausgabe 181 / 2005 vom 01.05.2005

Redaktion: Hermann Schulze, DL1EEC

Autoren:

Hermann Schulze, DL1EEC (hfs)

  Dr. Ralph P. Schorn, DC5JQ (rps)
   
Kontakt:
dl0agz@agz-ev.de

 

LEITARTIKEL: IST FORTSCHRITT RÜCKSCHRITT?

(hfs) Die zusätzliche Öffnung des 30-Meterbandes mittels der Bandbreitenregulierung führt in den USA zu einer tiefgreifenden Diskussion über die Betriebsart Pactor-Level-3 und über den Wildwuchs des Winlink-Systems. Howard, KH6TY, z.B. stellt präzise dar, wie ein ehemals schmalbandiges Übertragungsverfahren zu einem platzfressenden breitbandigen Anwendungssystem wird, das dazu noch völlig automatisch und ohne Rücksicht auf bestehende QSOs ständig wechselnde Frequenzen für sich beansprucht.

Die Gegner von Winlink – wir haben davon ja auch eine Fraktion in Deutschland – sollten aber nicht vergessen, dass der Amateurfunkdienst kein regulierter Dienstleistungsbetrieb ist. Auch die Autoren der RegTP-Amtsblätter verwechseln diesbezüglich festgezurrte Betriebsauflagen mit einem experimentellen Funkdienst – und gehen damit meilenweit am Grundgedanken des Amateurfunkdienstes vorbei. Wir müssen schlicht und einfach akzeptieren, dass z.B. PSK31 als Individualmode Pactor den Rang abgelaufen hat. Denn offensichtlich ist die Ergänzung mit einem automatischen Mailboxsystem der Tod jeder ursprünglich individuellen Betriebsart.

Packet-Radio ist dazu ein noch deutlicheres Beispiel. In den Achtzigerjahren lebte Packet noch vom "Digipeater-Hopping" und vom individuellen QSO. Heute brauchen wir ein Mailboxsystem, um diese Betriebsart überhaupt noch am Leben zu halten und das mit Winlink konkurrierende deutsche DA5-System bezieht seine Attraktivität auch nur aus der Anbindung an das gut ausgebaute Packet-Radio-Netz. Ansonsten wären die deutschen Pactor-Stationen mit DA5-Call tot.

Lehnen Sie sich doch einfach zurück und machen Sie die Betriebsart, die Ihnen persönlich gefällt und lassen Sie doch die anderen mit dem spielen, was denen gefällt. Und wenn 80 Prozent der Funkamateure nur noch konfektioniert Betrieb machen wollen, dann lassen Sie sie doch! Wenden Sie das Amateurfunkgesetz einfach in seinem ureigensten Sinne an: Dann folgen Sie dem Fortschritt.

Hermann, DL1EEC


AB SOFORT FINDEN WIEDER AMATEURFUNKPRÜFUNGEN STATT

(red) Wie die Regulierungsbehörde mitteilt, wurden die Außenstellen am Freitag aufgefordert, die Amateurfunkprüfungen ab sofort wieder aufzunehmen. Die Prüfungsbögen seien den neuen Gegebenheiten angepasst worden und neue Urkunden lägen ebenfalls bereits vor. Zusätzlich wurde ein dienstinterner Arbeitsbehelf namens "Übergangsregelung Amateurfunk" fertig gestellt. Negativ ist, dass die RegTP tatsächlich den Zeitpunkt der Prüfung zur Gebührenfestsetzung heran ziehen will – und nicht das Datum der Anmeldung. Es kommen also auf etliche Leute finanzielle Nachforderungen zu. Ob das rechtens ist, sei dahin gestellt.


KORRIGIEREN

(rps) müssen wir die Meldung von letzter Woche, der Präfix DO0 sei in Zukunft für personengebundene Rufzeichen der Klasse E vorgesehen. Richtig ist, dass er nur für Relaisfunkstellen und Bakensender der Einsteigerklasse reserviert ist. Korrekt ist dagegen unsere Meldung, dass Clubstationen der Klasse E nur noch mit DN0 beginnen sollen und auf maximal fünf Jahre befristet werden.

Korrigieren bzw. zurück nehmen müssen wir in diesem Zusammenhang auch den Vorwurf der Geldschneiderei: Das Gegenteil ist der Fall – der ministeriellen Begründung für die neue AFuV vom Februar entnehmen wir, dass selbst ab dem Jahre 2008 der Kostendeckungsgrad für Amtshandlungen im Amateurfunkdienst nur 31 Prozent betragen wird. Das in der Sache völlig unbegründete Erfordernis, eine Einsteigerclubstation immer wieder aufs Neue verlängern lassen zu müssen, ist somit eine sinn- und zwecklose Verschleuderung von Steuergeldern: also ein Fall für den Bundesrechnungshof. Wir kümmern uns darum.


LEIDER NUR EINEN SCHEINERFOLG IN SACHEN PLC

(rps) gibt es vom Verwaltungsgericht Karlsruhe zu vermelden. Ulrich Fleischmann, DL9LX, litt in seiner Mannheimer Wohnung unter starken Störungen des Kurzwellenempfangs durch den in seiner Straße angebotenen Internetzugang mittels Powerline Communication, kurz PLC. Erst nachdem die Regulierungsbehörde mit einer Untätigkeitsklage bedrängt wurde, unternahm sie endlich Messungen. Die RegTP stellte fest, dass die Betreibergesellschaft des PLC- bzw. Stromnetzes die Grenzwerte der so genannten Nutzungsbestimmung 30 der Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung überschritt. Sie ordnete an, die Anlage so zu betreiben, dass die vorgeschriebenen Maximalfeldstärken eingehalten werden. Sollte das zeitnah nicht möglich sein, so sei die Anlage erst einmal abzuschalten. Die Firma wurde ferner verpflichtet, die Einhaltung der NB 30 nachzuweisen.

Die Anordnung fand auf Rechtsgrundlage von Paragraf 64 Absatz 2 des Telekommunikationsgesetzes statt und hat daher keine aufschiebende Wirkung. Die Betreibergesellschaft versuchte daraufhin, beim Verwaltungsgericht Karlsruhe eine einstweilige Anordnung gegen die RegTP zu erwirken, um doch noch eine Aufschiebung zu erzielen. Dies ging nun komplett in die Hose. Funkamateur Ulrich Fleischmann war als Beigeladener am Verfahren beteiligt.

Unterschiedlicher konnten die Standpunkte nicht sein: Der Funkamateur argumentierte, die Nutzungsbestimmung 30 wäre nicht anwendbar, da selbst ihre Einhaltung bereits die Ausübung des Amateurfunks unterbinde: Zu intensiv seien trotzdem die Störungen. Die PLC-Betreibergesellschaft war sich in dieser Sache mit ihm einig – aber mit diametral entgegengesetzter Begründung: Die NB 30 stehe ihren wirtschaftlichen Interessen im Weg, weil sie zu scharf sei. Diese Bestimmung sei somit ein Verstoß gegen EU-Recht und eine nicht hinzunehmende Einschränkung, schließlich seien alle eingesetzten Geräte CE-zertifiziert und dürften somit auch uneingeschränkt benutzt werden. Außerdem sei die grundgesetzlich garantierte Informationsfreiheit in Gefahr.

Das Gericht gab keinem von beiden Recht und bildete sich seinen eigenen Standpunkt. Es ist in hohem Masse anerkennenswert, in welch kurzer Zeit sich die Richter – vor allem auch technisch – in die komplexe Materie kompetent eingearbeitet haben. So führen sie etwa aus, dass nicht etwa die CE-zertifizierten PLC-Geräte stören, sondern die daran als "Antenne" angeschlossenen ungeschirmt strahlenden Stromkabel.

Fassen wir die gerichtlichen Argumente kurz zusammen: PLC-Systeme sind rechtlich nicht unter dem Aspekt der elektromagnetischen Verträglichkeit zu behandeln. Deren Aussendungen in den Äther sind – so paradox das auch klingen mag – nicht etwa unerwünschte Störstrahlungen wie z.B. die eines Elektromotors, sondern Nutzsignale. Die Nutzungsbestimmung 30 ist rechtlich gesehen eine Frequenzzuteilung an jedermann – genau wie z.B. im CB-Funk und bei FreeNet. Unsere Amateurfunkfrequenzen sind zusätzlich also automatisch auch an jeden vergeben, der PLC betreibt – sei es Inhouse oder Access.

Für die Abstrahlungen von PLC-Systemen, die prinzipbedingt nicht zu vermeiden sind, gelten zum Schutz der anderen Frequenznutzer die Grenzwerte der NB 30, genau wie für uns eine Obergrenze von z.B. 750 Watt gilt. Das EMVG spielt überhaupt keine Rolle, zudem es überdies bis heute gar keine EMV-Norm für PLC-Systeme gibt: Hier stört nämlich ein Frequenznutzer den anderen, und zwar innerhalb des gemeinsam zugewiesenen Spektrums. Es handelt sich damit ausschließlich um ein Problem der Frequenzordnung, und die muss die RegTP mit Anordnungen auf alleiniger Grundlage des TKG wieder herstellen. Alle Versuche der PLC-Betreiberfirma, hier doch noch irgendwie das EMVG anzuwenden, scheiterten – zu Recht, wie ich meine.

Das Verwaltungsgericht Karlsruhe ist der Auffassung, dass die Nutzungsbestimmung 30 weder gegen übergeordnetes Recht, noch gegen das Grundgesetz, noch gegen europäisches Recht verstößt. Sie steht also – mit negativen Konsequenzen sowohl für die Funkamateure, für die die nun hinzunehmenden Störungen viel zu intensiv sind, als auch für die Provider, die die wirtschaftliche Machbarkeit von PLC unter diesen Auflagen in Frage stellen. Der vermeintliche Sieg ist also keiner.

Bleibt noch anzumerken, dass das Aktenzeichen der Entscheidung 11 K 233/05 lautet und dass Ulrich Fleischmann, DL9LX, von keinem Amateurfunkverband unterstützt wurde. Und es bleibt weiterhin spannend: Die Entscheidung in der Hauptsache steht nämlich noch aus – genau wie der anschließend mögliche Instanzenweg bis zum Europäischen Gerichtshof. Für die PLC-Industrie geht es nun um die Wurst. Die Mannheimer Betreibergesellschaft befürchtet denn auch eine Signalwirkung des Prozesses: Die Funkamateure würden sich nämlich gegenseitig über ihre Verbände schnell informieren – was wir hiermit tun – und zwar mit – so wörtlich – "unabsehbaren Folgewirkungen".

Quelle: Verwaltungsgericht Karlsruhe und Funktelegramm Ausgabe Mai 2005

Ralph, DC5JQ


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Hermann, DL1EEC